„99 Prozent sind im Herzen bereits vegan“

Valentin Zech lacht mit einem Megaphone und trägt eine Anonymous for the Voiceless Hoodie

Von der ersten Sekunde an war Valentin Zech (Foto: Philipp Ziegler) vom Aktionskonzept von Anonymous for the Voiceless (AV) überzeugt. Seit April 2017 lebt der 22-Jährige vegan und ist ziemlich bald darauf zum Aktivist geworden. Seit August 2017 ist der Philosophie-Student Organisator der Berliner AV-Ortsgruppe, veranstaltet dort zwei Cubes pro Woche, hat bereits an mehr als 190 Cubes teilgenommen und ist seit Ende 2018 Regionalleiter von AV-Deutschland. Im Interview spricht Valentin über seine Gesprächsführung mit Passanten, kuriose Begegnungen und wie der Veganismus sein Leben bereichert hat.

Wie viel Überwindung hat dich dein erstes Outreach***-Gespräch gekostet?

Ich war unheimlich nervös bei meinem ersten Cube. Wie viele andere auch habe ich dem damaligen Organisator gesagt, dass ich lieber gerne nur im Cube stehen würde. Seine Antwort war aber, dass er zu wenige Leute für den Outreach*** hat und glaube, dass ich das gut könne. Mein Puls war auf 180 und ich musste mich überwinden, eine wildfremde Person auf der Straße anzusprechen. Wir kamen dann aber ins Gespräch und die Nervosität hat sich schnell gelegt. Das bekomme ich auch immer wieder von anderen Aktiven gesagt. Außerdem kann man die Erfahrung, die man im Aktivismus lernt, häufig auf andere Lebensbereiche anwenden. Offene Kommunikation, wie man sich gemeinschaftlich stärkt und unterstützen kann und wie man als Gruppe funktioniert.

***Die vor zwei Jahren in Australien gegründete Non-Profit-Organisation Anonymous for the Voiceless (AV) hat inzwischen fast 1000 Ortsgruppen weltweit. Im Quadrat und Schulter an Schulter stehen Aktivisten mit Laptops, Tablets und Bildschirmen im belebten öffentlichen Raum. Abgespielt werden Filme, die zeigen, wie wir Menschen mit „Nutztieren“ umgehen. Die im „Cube of Truth“ stehenden Teilnehmer tragen Guy-Fawkes-Masken und sprechen nicht mit Passanten. Die im „Outreach“ stehenden Aktivisten hingegen sprechen Menschen an, die stehen bleiben und sich die Bilder anschauen. Im Dialog versuchen sie zu vermitteln, warum es nicht nur Einfluss auf das persönliche Leben hat, vegan zu leben. Neben dem tierethischen und dem gesundheitlichen Aspekt wird deshalb auch über Umwelt und Ethik gesprochen. Wer sich näher mit dem Thema auseinandersetzen möchte, bekommt eine Karte mit hilfreichen Links, Buch- und Dokumentations-Tipps.

Worauf legst Du Deinen Fokus im Outreach*** und was willst du den Passanten mitgeben?

Ich möchte natürlich wie alle anderen auch zunächst erstmal die Leute mit dem Tierrechtsgedanken vertraut machen. Meine persönliche Überzeugung ist, dass 99 Prozent der Menschen im Herzen bereits vegan sind. Unter den Umständen, unter denen sie aufwachsen, sind sie allerdings darauf konditioniert, die Grundwerte, die sie bereits in sich tragen, nicht mehr zu schätzen. Ich merke in den Outreach***-Gesprächen immer wieder, dass die Werte schon da sind, das Handeln aber noch nicht damit übereinstimmt. Das möchte ich den Menschen aufzeigen. Dass sie schon an Tierrechte glauben und dass das Werte sind, die bereits bei Ihnen verankert sind. Darüber hinaus ist es mir ein großes Anliegen, die Leute zu inspirieren, zu motivieren, sodass sie auch wirklich Lust bekommen, in ihren eigenen Lebensbereichen etwas zu verändern und auch weiter zu recherchieren. Das Ende des Outreach***-Gespräches richte ich deshalb darauf, wie sehr der Veganismus mein eigenes Leben positiv bereichert hat. Sonst steht das triste, traurige Tierrechtsthema im Vordergrund, das motiviert die Leute vielleicht nicht so sehr, etwas zu verändern.

In welchen Bereichen hat der Veganismus Dein Leben bereichert?

Ich erzähle meistens vom Kochen. Ich habe schon immer gerne gekocht. Seitdem ich vegan bin, hat sich das nochmal intensiviert, weil ich gemerkt habe, dass ich mich vorher doch sehr eingeschränkt habe. Die meisten Menschen haben eine Handvoll verschiedener Spezies, dessen Körperteile sie in verschiedenen Variationen dreimal am Tag essen. Im Gegensatz dazu gibt es über 20.000 verschiedene essbare Spezies an Pflanzen. Die meisten benutzen wir gar nicht in der deutschen Küche. Die einfach zu erkunden, da kann ich über das Vorurteil, dass sich Veganer sehr einschränken, doch nur müde schmunzeln, weil ich genau das Gegenteil erlebe. Meine Küche ist um einiges vielseitiger geworden.

Welches ist dein Lieblingsrezept?

Ich habe zuletzt einen veganen Back-Camembert ausprobiert, aus Cashews, veganem Käse und Flohsamenschalen. Der war unglaublich gut. Ich probiere auch gern Rezepte aus, die ich aus meiner Kindheit kenne. In den allermeisten Fällen kann man seine Rezepte leicht veganisieren, sodass man mit ein bisschen Übung kaum einen Unterschied feststellt.

Du hast einige Zeit in München gewohnt. Sind die Menschen im Süden hartnäckiger in Sachen Gegenargumente?

Ich habe in der Position als Regionalleiter viel Kontakt mit Ortsgruppenleitern in Deutschland. Was diese mir erzählen, deckt sich mit meinen eigenen Erfahrungen. Man kann schon einen Unterschied in der Mentalität der Menschen feststellen. Ich habe das Gefühl, dass gerade in Regionen wie in der Schweiz und in Bayern, eine viel stärkere Vernetzung stattfindet zwischen der allgemeinen Bevölkerung und der Landwirtschaft. Einige Menschen haben Freunde oder Schulkameraden, die in der Landwirtschaft arbeiten und Betriebe leiten. Dadurch ist das Thema für Sie ein emotionaleres, präsenter und dementsprechend glauben die Leute noch viel mehr an die Human-Lüge.

In Berlin ist die Mentalität sicherlich ein bisschen anders …

Berlin ist ganz anders. Da gibt es wiederum die Denkweise, dass Kinder nicht wissen, dass eine Kuh nicht lila ist. Das ist natürlich nur Klischee. Aber man merkt schon, dass Leute, die in der Stadt aufgewachsen sind, keinen Bezug zur Landwirtschaft haben. Da, wo die Leute einen Bezug haben, fühlen sie sich leicht persönlich angegriffen. Sie glauben dann, dass wir die Landwirte als Individuen angreifen wollen, was natürlich nicht stimmt. Wir greifen das System der Unterdrückung und Gewalt gegen unschuldige Individuen an. Darüber hinaus sieht man im Landschaftsbild in Bayern viel mehr Kühe, die auf einer Weide stehen. Das macht statistisch gesehen natürlich nur einen unheimlich kleinen Teil der Landwirtschaft aus und auch bei den Tieren, die auf der Weide stehen, sieht man ja nicht den ganzen Prozess. Man sieht nicht, wie den Milchkühen die Kinder entrissen werden, man sieht nicht, wie die männlichen Babys geschlachtet werden. Man sieht nicht, wie die Kälber in Boxen aufwachsen. All das bleibt vor uns verborgen. Was wir allerdings sehen, ist das, was wir sehen wollen: glückliche Tiere auf der großen grünen Weide, um unser Gewissen zu bereinigen.


Wie gehst Du mit Gesprächen um, bei denen Du das Gefühl hast, dass Du nichts erreicht hast?

Das frustriert mich wenig. Ich schrecke auch nicht davor zurück, Gespräche zu beenden, wenn ich glaube, dass die keinen Wert mehr für das Thema Tierrechte oder für mich persönlich haben. Ich versuche, meine Zeit sinnvoll zu investieren, und zwar dort, wo ich etwas bewegen kann. Nichts desto trotz versuche ich aber auch die von mir negativ bewerteten Gespräche auf eine freundliche Art und Weise zu beenden. Weil wir als Aktivisten in sehr vielen Fällen der erste Bezugspunkt sind, den die Menschen mit Veganismus und mit dem Thema Tierrechte haben. Das, was die Menschen dabei fühlen – ich glaube, die Emotionen sind dabei wichtiger, als der eigentliche Inhalt – das projezieren sie auf den ganzen Gedanken des Vegansimus. Wenn wir diese Menschen mit einem positiven Bild verabschieden, selbst, wenn wir uns von den Argumenten her nicht einigen können, dann ist schon etwas gewonnen. Nichts desto trotz, wenn ich sehr blöde Argumente höre, ärgere ich mich auch darüber. Das bleibt nicht aus, auch wenn ich schon bei vielen Cubes war. Dann nehme ich mir ein, zwei Minuten Zeit und schüttel das ab.

Was war das kurioseste, das Du je gehört hast?

Wütend war ich einmal, als ich in Stuttgart mit der Albert-Schweitzer-Stiftung auf einer Veggie-Messe war. Zu Beginn kam eine ältere Dame auf mich zu und erzählte mir mit einem breiten Grinsen im Gesicht, dass es ihr überhaupt nichts ausmacht, wenn man Schweine umbringt und das sie das in Ordnung findet. Das ist erst einmal nichts Außergewöhnliches. Ich hab sie dann abziehen lassen. Fünf Minuten später kam sie dann wieder, immer noch mit einem breiten Grinsen, hat mich angeschaut und sagte mir, junger Mann, passen sei auf, dass sie keine Mangelernährung bekommen. Sie zog dann gleich wieder ab und ich konnte nicht drauf eingehen, was mich unheimlich wütend gemacht hat. Mittlerweile könnte ich das leichter wegstecken, aber zu dem Zeitpunkt hat mich das mitgenommen.

Wie groß ist deine Hoffnung in die Menschheit und darin, dass sich in Zukunft etwas tut in Sachen Tierrechte und Veganismus?

Meine Hoffnung ist sehr groß. Ich glaube, die Massentierhaltung hat keinen Rückhalt in der Gesellschaft. Es ist eigentlich unbegreiflich, warum das immer noch praktiziert wird, obwohl der Großteil der Gesellschaft dagegen ist. Ich glaube, es ist unsere Aufgabe, diesen Konflikt in die Öffentlichkeit zu tragen. Und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir die schlimmsten Praktiken der Tierausbeutungsindustrie in wenigen Jahrzehnten ausgemerzt haben. Ich glaube auch, wenn wir eine kritische Masse erreicht haben, können wir in naher Zukunft eine fast vegane Welt erreichen.

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