„Die Masse der Konsumenten könnte alles verändern“

Markus Mauthe

In der Wildnis fühlt er sich am wohlsten: Naturfotograf Markus Mauthe (Foto: Markus Mauthe/Greenpeace) dokumentiert für Greenpeace die immer seltener werdende unberührte Natur und präsentiert seine Bilder in Multivisionsshows. In seinem neuen Fotoprojekt „An den Rändern des Horizonts“ stehen indigene Völker im Fokus, die im tropischen Regenwald, in Savannen und Wüsten, auf dem Ozean und in der Arktis zu Hause sind. Im Interview spricht Mauthe über den Widerspruch eines um die Welt reisenden Umweltaktivisten und darüber, wie er den Klimawandel in seinen Vorträgen thematisiert.

Sie sind am liebsten in der ursprünglichen Natur unterwegs. Welchen Reiz üben solche Orte auf Sie aus?

Ich habe das Glück, dass ich Natur auch in ihrer Urform kennenlernen durfte. Natur ist das nicht vom Menschen veränderte Stadium unserer Erde. Das kommt in unserem Alltag immer weniger vor. Doch ohne intakte Natur gibt es für uns kein Überleben. Und das sieht man ja zurzeit überall auf der Welt. Man muss ja nur nach Australien oder Brasilien gucken. Unser modernes Leben ist viel zu weit weg von der ursprünglichen Natur, deswegen haben wir den emotionalen Kontakt zu ihr verloren. Das ist auch einer der Gründe, warum wir uns so schwertun, unser Verhalten zu ändern, damit die Natur nicht gänzlich kaputt geht.

Gibt es Orte, die Sie noch als ursprünglich kennengelernt haben und die sich inzwischen verändert haben?

Ich bin jetzt 50 Jahre alt geworden und ich habe das Glück, seit 30 Jahren reisen zu können. Da habe ich viele Orte in einem anderen Stadium sehen dürfen. Was bei meiner Arbeit immer mehr in den Fokus rückt, ist die Menschheit und ihr Hunger nach immer mehr Rohstoffen. Dadurch lassen wir praktisch keine Ökosysteme intakt. Da rede ich von der Überfischung der Meere, von unserem Konsum, der Plastikmüll, der inzwischen überall ist. Es gibt zwei Ebenen: Der Klimawandel ist ein Symptom unseres falschen Verhaltens. Darüber hinaus haben wir aber auch direkte Einflüsse: Wir holzen seit 50 Jahren den Amazonas ab, um dort Soja für europäische Nutztiere anzubauen. Aber wenn es keine Bäume mehr gibt, gibt es keinen Regen mehr und das treibt den Klimawandel erst recht voran. So sind die Dinge miteinander verbunden.

Sind das Themen, die Sie auch in ihren Vorträgen ansprechen?

Ja, das spreche ich ganz gezielt an. Das ist auch der Sinn meiner Vorträge. Ich versuche, den Menschen Zusammenhänge klar zu machen. Aber nicht so, dass jeder unangenehm berührt nachhause geht. Obwohl man das in der heutigen Zeit machen könnte, weil die Lage tatsächlich ernst ist. Aber ich habe ja glücklicherweise meine Fotos und zeige Bilder auch auf einer künstlerischen Ebene. Ich zeige, was wir noch alles Schönes haben und worum wir noch kämpfen können. Und zwar so, dass es auch wirklich jeder versteht, der sich nicht jeden Tag mit Ökologie beschäftigt. Das es eben doch einen Unterschied macht, ob der Amazonas brennt oder nicht und was das mit dem eigenen Kühlschrank zu tun hat. Das muss aber auch wohl dosiert sein, denn ab einem gewissen Punkt will das nicht jedermann hören.

Ein um die Welt reisender Umweltschützer – das klingt sicher für viele paradox. Sind Sie damit schon einmal konfrontiert worden?

Ja, ständig. Das ist natürlich auch eines der Dinge, die mich begleiten und die ich auch aushalten muss. Ich bin Teil des Systems und ich nutze das System. Aber das hält mich nicht davon ab, das System zu versuchen zu ändern. Viele Menschen, die nicht möchten, dass sich etwas ändert, hätten es gerne, dass ich nicht mehr reise. Denn dann könnte ich all die Dinge, die ich mache, auch nicht machen. Ich bin schon gereist, da war die Klimadebatte noch in weiter Ferne. Es wäre aber ein Fehler gewesen, dann damit aufzuhören, weil ich dann all die Dinge nicht lernen und erfahren hätte und nicht weitergeben könnte.

Wenn ich vom brennenden Regenwald und vom dort angebauten Tierfutter rede, frage ich auch, ob Fleischkonsum heutzutage noch zeitgemäß ist.

Sie berichten von der Zerbrechlichkeit der Erde. Haben Sie einen Rat, was jeder Einzelne dagegen tun kann?

Was der Mensch gerade kaputt macht ist seine Lebensgrundlage. Wir leben in einer Zeit, wo sich alles zu unseren Ungunsten verändert, weil wir zu blöd sind. Man sollte schon klare Worte wählen, aber auch solche, die einen nicht unnötig angreifbar machen. Ich bin ja Teil des Systems mit der Fliegerei zum Beispiel. Durch das Erzählen von Zusammenhängen kommen die Leute aber oft selbst darauf. Wenn ich vom brennenden Regenwald und vom dort angebauten Tierfutter rede, frage ich auch, ob Fleischkonsum heutzutage noch zeitgemäß ist. Meine Vorträge sind keine Anleitung, wie man zum Super-Ökologen wird. Das bin ich selbst ja auch nicht. Aber sie sollen in erster Linie Denkprozesse anregen, die die Leute mit in den Alltag nehmen können. Speziell in diesem Vortrag zeige ich Menschen. Vor allem indigene Völker, die noch näher an der Natur sind, aber die gerade durch die Zerstörung ihrer Lebensgrundlage noch mehr in diesem Wandel stecken. Da spürt jeder, der das sieht, dass da etwas in die falsche Richtung läuft. Viele fühlen sich dann so ohnmächtig und glauben, dass sie eh nichts ändern können. Aber die ruhende Masse der Konsumenten könnte alles verändern.

Was tun Sie selbst dagegen?

In allem was ich tue, mache ich mir Gedanken. Wenn ich was Schlechtes tue, weiß ich es zumindest. Dann bin ich in dem Moment vielleicht zu faul und kaufe vielleicht doch etwas in Plastikverpackung. Dadurch, dass mir die Themen alle bekannt sind, habe ich mein Leben schon dahingehend verändert, dass ich meine Müllmenge deutlich verringert habe. Auch wenn ich lange nicht so weit bin, wie ich es aus ökologischer Sicht gerne hätte. Ich esse so gut wie kein Fleisch mehr. Ich versuche meinen Milchkonsum zu reduzieren. Beim Käse tue ich mich schwer, was aber genauso schlimm ist, wie Fleisch. Jede Art von Konsum ist in einer gewissen Form zu hinterfragen. Ich habe natürlich allein durch meine Vortragsreisen eine ungleich höhere Ökobilanz als ein Indigener im Amazonas, das ist klar. Aber wir können die Gesellschaft als Ganzes verändern, unser Denken und unser Handeln. Und da passiert gerade ein bisschen was seit Greta Thunberg. Aber es passiert halt viel zu wenig. Wenn meine Kinder und deren Kinder so alt sind wie ich, dann wird die Welt eine gewaltig andere sein. Ob es dann noch intakte Natur gibt, kann man im Moment nicht sagen. Das kommt auf die nächsten fünf, sechs Jahre an. Die Energiewende und unsere Essgewohnheiten sind die zwei großen Player. Das sind beides Dinge, die locker machbar wären, wenn der Mensch nicht so unflexibel und dumm wäre. Der Grill zuhause ist für viele ein Heiligtum.

Dabei kann auf dem Grill ja genauso gut ein Tofuwürstchen landen…

… ja, oder Gemüse. Das geht alles. Mir schmeckt Fleisch natürlich auch. Aber ist es denn der schöne Planet nicht wert, auf diese Lust zu verzichten?

Sie leben in Brasilien und haben dort ein Projekt zur Wiederaufforstung des Regenwaldes gegründet. Wie ist es aktuell aus ihrer Sicht um den Regenwald bestellt?

Wir haben eine Naturschutzorganisation gegründet, um einen Ausgleich zu dem zu machen, was wir selbst verbrauchen. Wenn meine Frau ihre Familie sehen will, muss sie nun einmal nach Brasilien reisen. Deshalb pflanzen wir dort Bäume. Das machen wir natürlich in einem relativ kleinen Maßstab. Aber zum Regenwald: Die Hütte brennt, im wahrten Sinne des Wortes. Wenn der Mensch nicht in kürzester Zeit zu Verstand kommt, dann ist das ganze Thema durch. Wir stehen beim Amazonas kurz vor den Kipppunkten. Und wenn der erstmal erreicht ist, dass das Ökosystem so geschwächt ist, dass es seinen Regen nicht mehr selbst produzieren kann, dann geht ein Tropenwald in eine Savanne über. Und das hat maximale Auswirkungen auf das Weltklima. Der Amazonas ist neben den Meeresströmungen die wichtige Säule für unser Weltklima. Beim Amazonas könnten die Kipppunkte schnell erreicht sein. Denn diese scheiß Regierung tut im Moment alles dafür, das die Bäume möglichst schnell gefällt werden. Aber das ist leider überall so, nicht nur in Brasilien. Da ist wirklich Panik angesagt. Denn wenn die EU ein Freihandelsabkommen mit Südamerika schließt und dann noch mehr Soja und noch mehr Fleisch einkauft, dann glaube ich nicht, dass es noch irgendein Werkzeug gibt, das irgendjemanden davon abhält, den Amazonas weiter abzubrennen. Das gefährliche ist, dass der seit 50 Jahren brennt – wir haben ja nicht erst gestern damit angefangen. Das Gebiet ist so geschwächt, dass es sein kann, dass es nicht mehr lange dauert. Und das macht mir eine höllische Angst. Und das sage ich auch immer in meinen Vorträgen, denn alles andere wäre gelogen. Die Warnsignale sind überall zu spüren und der Mensch pennt munter weiter.

Wir kaufen mit unserer Organisation alte Farmen, um an den Stellen, wo Kühe stehen, wieder Bäume zu pflanzen.

Erfahren Sie mit ihrem Projekt Wiederstand seitens der Behörden?

Wir sind zum Glück noch klein genug, sodass wir da nicht ins Raster fallen. Aber man darf nicht vergessen, dass Brasilien 24-mal so groß ist, wie Deutschland. Wir sind an der Küste in einem Gebiet, das seit Jahrhunderten Farmland ist. Wir kaufen mit unserer Organisation alte Farmen, um an den Stellen, wo Kühe stehen, wieder Bäume zu pflanzen. Das ist aber sehr teuer und sehr mühsam. Das Land ist dann eingetragen, sodass es keine Probleme gibt. Allerdings sind die demokratischen Hürden auch bei uns so hoch, dass man sich manchmal fragt, ob das denn überhaupt zu glauben ist. Aber klar: Viele Naturschützer – auch gerade in Brasilien – werden ermordet, weil sie den wirtschaftlichen Interessen entgegenstehen. Viele Indigene werden ermordet, weil sie von Bolsonaro nicht mehr geschützt werden.

Welches Projekt wollen Sie als nächstes angehen?

Ich habe gerade ein Buch geschrieben über das Reisen und den Klimawandel und bin noch auf der Suche nach einem Verlag. Die Wahl von Bolsonaro hat mich letztes Jahr so sehr aus der Bahn geworfen, dass ich das erste Mal in meinem Leben einen geistigen Zusammenbruch hatte und mich gefragt habe, ob es überhaupt noch Hoffnung gibt. Dann habe ich mir drei Monate lang die Seele aus dem Leib geschrieben. Durch das schrieben Schreiben habe ich auch verstanden, warum es mir so schlecht geht: Weil ich einerseits in den letzten 30 Jahren viel Schönes gesehen habe, aber auch seit 30 Jahren den Niedergang der Natur miterlebe. Bolsonaro war mein Kipppunkt, an dem ich gemerkt habe, dass ich nicht mehr kann. Aber zum Glück kam zeitgleich die „Fridays for Future“-Bewegung auf. In dem Sog habe ich mich dann wieder ein bisschen aufgerichtet.

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